Meine erste Critical Mass Fahrt in Schweinfurt

Kreisverband

Vorinformiert durch die Mainpost über eine eventuell bevorstehende Critical Mass (CM) Rundfahrt in Schweinfurt entschloss ich mich am 30.09.2016, mir so eine Aktion anzusehen. Auf der Fahrt mit dem Fahrrad zum Startpunkt am Marktplatz fuhr ich über die Maxbrücke und querte auf dem kombinierten Fuß-/Radweg den Paul-Rummert-Ring, wo ich bei Grün von einer rechts abbiegenden Autofahrerin übersehen und beinahe angefahren wurde. Durch die Verschwenkungen der Radwege sind Radfahrende für den KFZ-Verkehr im Kreuzungsbereich einfach schlecht zu sehen. Schlecht gemachte Radwegekonzepte sind gefährlich. Umso mehr war ich gespannt, was mich bei der CM-Rundfahrt erwartet.

Kurz gesagt: es war phantastisch.

Endlich spürte ich wieder einmal, wie schön und sicher Radfahren in der Stadt sein kann, wenn man dafür den normalen Verkehrsraum – nämlich die Straße – nutzen kann.

 

 


Kurz vor 18 Uhr fanden sich immer mehr Menschen mit Fahrrädern ein. Die Gruppe war sehr gemischt: junge, ältere, Frauen mit kleinen Kindern. Auch tolle Fahrräder waren zu sehen. Von minimalistischen Edel-Bikes mit Zahnriemen-Antrieb, Fat-Bikes, Mountain-Bikes, Retro-Räder mit gemufften Rahmen, normale City-Bikes, Liegeräder, Cruiser, BMX-Räder, Rennräder – die ganze Palette. Es gab auch ein paar Fahrräder, die beim Fahren komische Geräusche von sich gaben, ein Ruf nach Öl und Wartung.

Gegen 18 Uhr – es waren mittlerweile fast 100 Radfahrende zusammengekommen - wurde dann aus der Menge die Losung ausgegeben: wir halten uns an die Straßenverkehrsregeln, fahren kompakt im Verband,  provozieren nicht und lassen uns auch durch Autofahrer nicht provozieren, behindern nicht den Verkehr, wir sind der Verkehr. Verpflichtende Radwege müssen bei Verbänden ab 16 Personen nicht mehr benutzt werden.

Die Radfahrer-Schlange setzte sich in Bewegung und fuhr vom Marktplatz in Richtung Maxbrücke, um dann von der Brückenstraße in den Rusterberg abzubiegen. Wenn die Spitze des Radverbands bei Grün losfährt, darf das Ende des Verbands bei Rot die Ampel überfahren. Der Verband wird eben wie ein sehr langer LKW behandelt. Bei 100 Radfahrerinnen und Radfahrern dauert es naturgemäß etwas (mehrere Ampelphasen), bis der letzte des Verbands bei der Ampel durch ist. So nahmen es während der ganzen Fahrt durch die Stadt bis auf eine Ausnahme die Autofahrer sehr gelassen. In anderen Städten nehmen CM-Fahrten auch schon ein größeres Ausmaß an. In Budapest 2013 kamen rund 100.000 Menschen zu einer Critical Mass Aktion zusammen. Eine Übersicht der Critical Mass Aktionen findet sich auf http://itstartedwithafight.de/critical-mass-deutschland/



Beim letzten Mittagsgespräch (14.09.2016), zu dem der ADFC Bayern die bayerische Umweltministerin Ulrike Scharf eingeladen hatte, äußerte die Ministerin auch Verständnis für Critical Mass Aktionen. Radfahren in der Stadt ist natürlich effektiver Klimaschutz. Letztendlich werden wir für die Zukunft auch in Schweinfurt – so wie es schon viele Städte in Holland, Dänemark, Schweden und anderen Ländern vor uns getan haben, die Frage beantworten müssen, wem gehört der Verkehrsraum in der Stadt?
Wollen wir weiterhin den größten Teil des Verkehrsraums dem motorisierten Individualverkehr (MIV) überlassen?
Vor etwa 100 Jahren begann die verhängnisvolle Entwicklung, dass Städte für den MIV umgeplant und umgebaut worden sind. Der Dieselskandal, der 2016 an die Öffentlichkeit gedrungen ist, macht deutlich, dass wir in Sachen Umwelt- und Klimaschutz umdenken müssen. Natürlich besitzen auch viele Radfahrende noch Autos. Aber gerade in den Städten nimmt das Bedürfnis, ein eigenes Auto zu besitzen, ab.

Städte wie Schweinfurt bieten den großen Vorteil, dass die meisten Entfernungen mit dem Fahrrad schnell zurückgelegt werden können. Die Stadtwerke Schweinfurt bieten ein gutes Angebot im ÖPNV. Schweinfurt hat somit alles, um seinen BürgerInnen ein modernes Verkehrskonzept bieten zu können. Genügend Verkehrsraum ist vorhanden. Den Radverkehr zusammen mit Fußgängern auf „Bordsteinradwege“ zu verlagern, ist das schlechteste und gefährlichste Konzept.
Die bedauerlichen Unfälle – teils mit tödlichem Ausgang – sind ein Beleg dafür.

Andere Städte sind da schon viel weiter. Meine Verbandsarbeit für den ADFC führt mich in viele Städte. So konnte ich unter anderem auch in Fulda sehen, dass es dort anscheinend kein Problem ist, breite Radverkehrsstreifen anzulegen. An den Ampeln sind große Aufstellflächen vor den Kfzs für den Radverkehr. So können Autofahrer die Radfahrer sehen. Der längs auf der Straße geführte Radverkehr mit großen Aufstellflächen an Kreuzungen ist die sicherste Verkehrsführung. Diese Aussage stammt von Siegfried Brockmann, Leiter  Unfallforschung der Versicherer (UDV) vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. (GDV).

Natürlich stelle auch ich mir die Frage, warum passiert in Schweinfurt nahezu nichts in Sachen modernes Verkehrskonzept, das auch den Fahrradverkehr ausreichend berücksichtigt?

In Deutschland gibt es über 70.000.000 (70 Millionen) Fahrräder. Die Menschen wollen Rad fahren, trauen es sich aber häufig nicht, weil die Radverkehrsinfrastruktur schlecht und gefährlich ist.

Ich vermute, dass den Verantwortlichen zum einen der politische Mut fehlt, wirkliche Veränderungen jenseits kleiner kosmetischer Verbesserungen auf den Weg zu bringen. Zum anderen denke ich, fehlt auch das Gefühl dafür, dass auch Radfahrende Wähler und Konsumenten sind. Gerade hier steckt für den Einzelhandel ein großes Potential. Umfangreiche Informationen zum Thema finden sich im „WirtschaftsRad“ der AGFK Bayern.

Es bleibt zu hoffen, dass die Verantwortlichen in Schweinfurt sich von den Ideen, wie ein modernes Verkehrskonzept für Schweinfurt im 21. Jahrhundert aussehen könnte, inspirieren lassen.




Bei der kleinen Rundfahrt durch die Stadt winkten viele Passanten und Autofahrer den Radfahrern freundlich zu. Es gab keinerlei Probleme, keine Unfälle im Verkehr. Die Atmosphäre war während der ganzen Tour vollkommen entspannt und friedlich. Manche Radfahrer schlossen sich spontan der Gruppe an und fuhren bis zum Ende der Tour durch die fast leere Spitalstraße (gegen 19 Uhr) zum Rückertdenkmal am Marktplatz.


tl;dr
Abgefahrene Aktion, entspannt, Schweinfurts Verantwortliche sollten sich mal in Sachen Radverkehr umsehen (Holland, Erlangen....).

Adalbert Leuner

© ADFC Schweinfurt 2017